Die letzten Tage

 

Nach dem Zusammenbruch, der dann bei uns kam, folgte eine ungeheure Geschäftigkeit. Es musste soviel organisiert werden. In Malente war schon für die Pflegezeit zu Hause Bett, Stuhl u.a. beantragt, aber irgendwie klappte da gar nichts.

Meine Mutter nahm Kontakt auf zu einer Frau auf dem Klinikgelände, welche für die Organisation zuständig war. Diese wiederum rief dann auch mich an und so klappte es, dass wenigstens der Pflegedienst bestellt war, das Pflegebett und der Toilettenstuhl am nächsten Tag geliefert wurden und der Transport von Papa am Donnerstag, den 12. Mai 2011 nach Hause gesichert war. Eigentlich wollten wir Papa am 11.05.11 nach Hause haben, aber Bett, Stuhl u.a. musste ja nunmal erst da sein.

Bauarbeiten zu Hause waren auch gerade, weil wir das Badezimmer behindertengerecht umbauen ließen. Vielleicht umsonst? Wer weiß. Ab 12.05.11 hatte ich kurzfristig Urlaub beantragt mit offenem Ende, da ich erst wieder arbeiten würde, wenn wir Papa gut „rübergebracht“ haben. Ich wollte die letzten Tage auf jeden Fall bei ihm sein. Ich würde es mir mein Leben lang nicht verzeichen, wenn ihm was passiert wenn ich da wäre.

Theater hatten wir dann auch noch mit unserer Hausmeister, da wir den Schlüssel zum Verlängern ds Fahrstuhls brauchten und der Hausmeister erst nach einem 7 Euro teuren Telefonat zustimmte, ihn uns kurzfristig zu geben, was natürlich nicht klappte und ich am späten Abend bei ihm an der Wohnungstür so lange Sturm klingelte, bis er endlich aufschloss.

Am 12.05.11 warteten wir nun auf den Anruf aus der Klinik, dass der Krankentransport auf dem Weg sei, da wir den Eingangsbereich vor dem Haus abschotten wollten, damit Papa nicht den gaffenden Blicken der Anwohner ausgesetzt war. Und wir hatten Angst. In was für einem Zustand würde er ankommen? Ist er überhaupt noch ansprechbar? Die Drainage wurde am Vortag gezogen und der Arzt sagte uns, dass danach die Flüssigkeit im Hirn langsam Bewusstlosigkeit hervorrufen würde.

Aber: der Wagen kam, er fuhr sehr weit an den Eingang heran und als die Tür geöffnet wurde, war Papa da. Ich streichelte seinen Fuß und er reagierte ….. was für eine Erleichterung. Ich sagte: „du bist zu Hause“ und er nickte. Es war der Anfang vom Ende.

Papa kam dann hoch in die Wohnung und ins Schlafzimmer in sein Pflegebett. Der Pflegedienst kam das erste Mal und auch Papa’s Hausarzt, der die nächsten Tage unser Ansprechpartner war und uns die Sterbebegleitung zugesichert hat.

Nachdem wir dann endlich mit Papa allein zu Hause waren, waren wir einfach nur glücklich, dass das alles so geklappt hat, dass Papa ansprechbar war und sich offensichtlich freute, zu Hause zu sein. Wir konnten den ganzen Nachmittag bei ihm im Zimmer sitzen uns uns mit ihm unterhalten. Die Hunde holte ich rüber und wunderte mich dann allerdings, dass keiner der 3 zu ihm wollte, im Gegenteil, sie bellten ihn sogar aus. Ahnungen?

Wir vereinbarten, dass unsere Mutter die Nächte nicht mit Papa allein in der Wohnung verbringen sollte und so organisierten wir Schlafplätze mit Matrazen, Decken und Kissen. Es sah wirklich furchbar in der Wohnung aus. Kein Badezimmer, überall Schlafplätze und alles zugestellt mit Medikamenten, Pflegeutensilien und Getränken. Aber es war egal, wir hatten Papa zu Hause, das war die Hauptsache.

Der erste Pflegedienst kam am Abend und hat sich wirklich viel Mühe gegeben. Besonders der Mundpflege wurde viel Aufmerksamkeit gegeben, woran im Krankenhaus nicht ein Gedanke verschwendet wurde. Hier möchte ich schon erwähnen, dass es Papa nach jedem Besuch eines Pflegers immer besonders gut ging und er zur Ruhe kam und mal Schlafen konnte. Die erste Nacht schlief ich dort. Meine Schwester und ich wollten uns abwechseln. In der Nacht war ich einmal hoch und schaute nach Papa. Er war unruhig und ich gab ihm was zu Trinken. Ich merkte dann, dass er im Bett soweit nach unten gerutscht war, dass die Beine im Winkel lagen. So ging das also nicht. Ich wollte Mutti wecken, damit wir ihn nach oben ziehen konnten (das ging allein nicht mehr), aber er wollte das nicht. So warteten wir damit bis zum nächsten Morgen.

Der nächste Morgen war gut nachdem der Pflegedienst da war. Leider stellte sich nun raus, dass doch die Bauarbeiten am Badezimmer sehr störend waren, Papa brauchte eigentlich Ruhe. Wir hofften nur, dass das Bad schnell fertig wurde. Wir brauchten doch eine Toilette. Zwischendurch fragte Papa mal, ist das Bad denn noch nicht fertig? Ich glaube, er wollte unbedingt auf die Toilette gehen – was er allerdings bedingt auch durch Katheder nicht konnte.

Ich konnte kurz nach Hause, ging dann zum Hausarzt, um Rezepte abzuholen wir trafen uns dann alle wieder in der Wohnung der Eltern.

Dann nahm ich in Angriff, dass das Pflegebett entweder getauscht würde oder verlängert. Egal was, aber so ging es nicht. Selbst der Hausarzt stellte eine Dringlichkeit aus, da der Kopf in einem bestimmten Winkel liegen musste bedingt durch den Tumor. Es war Freitag und es eilte. Das Sanitätshaus versuchte dann uns weiszumachen, dass wir das Bett nicht richtig eingestellt hätten….. Hallo? Selbst der Arzt und der Pfleger? Ich bestand darauf, dass eine Verlängerung gebracht würde und so kam dann erstmal jemand, um sich das zu kurze Bett anzusehen. Es wurden Fotos gemacht und wir auf Montag vertröstet ….. Damit gab ich mich allerdings nicht zufrieden und verlangte, dass mich der Geschäftsführer zurückrief, damit ich das mit ihm durchsprechen konnte. Stattdessen kam dann plötzlich doch eine Verlängerung für das Bett, welche wir zusammen mit Pfleger am Abend, Papa aus dem Bett geholt, welcher dabei fast zusammenklappte, anbrachten.

Dieser Tag war eigentlich der schönte Tag seit Wochen. Papa war viel wach, er wollte den Fernseher anhaben und wir verbrachten fast den ganzen Tag bei ihm am Bett. Er aß und trank – nicht viel aber immerhin etwas. Ganz wichtig war, dass er sich auch noch mitteilen konnte. Am Abend ging ich nach Hause und meine Schwester blieb über Nacht. Die Nacht war schrecklicher laut ihrer Aussage. Sie war ein paarmal hoch und gab Papa was zu Trinken. Unsere Mutter war nicht wachzubekommen. Aber sie brauchte auch unbedingt ein bisschen Erholungsschlaf

Samstag Morgen: ich dachte, ich besorge schnell Brötchen und gehe dann rüber. Gesagt, getan und kaum kam ich an, war klar, Papa war gut drauf. Er wollte mit uns zusammen Frühstücken. Brot war schon geschmiert, Kaffee gekocht und im Schlafzimmer alles schön verteilt, sodass jeder irgendwo mit seinem Frühstück sitzen konnte. Papa war wach, hatte sogar etwas gegessen und getrunken und hatte sein Bein lässig über die Bettkante geschwungen. Wir hatten ein gutes Gefühl an dem Morgen. Wir frühstückten, wir sahen fern, wir unterhielten uns und als Margitta nach Hause ging um sich von der Nacht frisch zu machen kamen wir fast schon überein, dass wir - so gut wie es Papa ging - Besuch holen konnten. Denn es wollten so viele Leute zu Besuch kommen, was wir bis jetzt abblockten. Mutti ging irgendwann mal einkaufen, damit sie etwas Zeit für sich hat. Es blieb immer mal einer allein bei Papa, er wurde ja auch immer wieder gut versorgt und schlief dann wieder viel.

Kaum hatten wir gedacht, dass wir mal Besuch holen könnten, kam die Wende. Am Samstag Nachmittag ging es Papa plötzlich schlechter, Er bekam schlecht Luft und hatte ständig das Gefühl, Abhusten zu müssen. Wir konnten ihm nicht helfen außer ihn hochzuhalten und das Husten zu ermöglichen. Ausgerechnet am heutigen Tag hat der Hausarzt keine Zeit. Er sagte uns das vorher: am Samstag bin ich unterwegs. Trotzdem habe ich versucht ihn zu erreichen. Irgendwann rief er vom Handy aus zurück und ich schilderte den Sachverhalt. In dem Moment entschieden wir uns, das erste Morphiumpflaster zu kleben. Es war so gegen 20.00 Uhr und ich sagte Papa: „der Doktor hat gesagt, dass das Pflaster ihm hilft und das Atmen leichter wird“. Nie vergesse ich, dass Papa daraufhin „DANKE“flüsterte. Und ich habe ihm verschwiegen, was ich wirklich geklebt habe. Ob er es schon wusste?

Wir beschlossen, dass meine Schwester und ich ab dem heutigen Abend beide über Nacht bleiben, damit immer jemand an Papas Bett bleiben kann. Allerdings der Samstag war die Hölle: Das Pflaster zeigte keine Wirkung, Papa wurde immer unruhiger statt ruhiger und griff sich immer wieder zum Kopf. Hirndruck? Kopfschmerzen? Wir wussten es nicht. Für unsere Mutter war das so schwer zu ertragen, dass sie zu Beruhigungsmitteln griff. Das merkten wir allerdings erst, als sie im Schlafanzug, Bademantel und auf dem Toilettenstuhl sitzend einschlief. Sie war nicht mehr wachzubekommen und wir wussten nicht, was wir tun sollten. Im Grunde waren wir sprachlos. Wir dachten, Papa stirbt jetzt und Mutti verschläft es …

In dieser Nacht schliefen wir zum ersten Mal auf dem reinen Fußboden – im Schlafzimmer – vor Erschöpfung ein, Mutti wurde irgendwann wieder wach und einer ging ins Bett. Ich lag auf dem Fußboden.

Der Sonntag Morgen war wieder besser. Eigentlich waren die Tage immer besser, die Unruhe (vielleicht die Angst?) kam immer erst gegen Abend und hielt uns die ganze Nacht auf Trab.Trinken ging ab Sonntag nun nur noch löffelweise. Ganz viel am Bett sitzen und Händchen halten war unglaublich wichtig. Wegen der fehlenden Mobilität konnte Papa nur noch Hände streicheln indem er mit dem Daumen kreisende Bewegungen machte. Der Tag schleppte sich hin und dann kam endlich Papa’s Schwester aus dem Urlaub zurück. Sie vom Flughafen sofort zu uns und wir waren alle unglaublich erleichtert, dass sie es noch „geschafft“ hat. Sie kam, blieb lange an Papas Bett und wurde von ihm erkannt GsD. Die Nacht von Sonntag auf Montag war wieder wie die vorherige. Wir hatten einfach das Gefühl, dass das Pflaster nicht wirkt.

Am Montag konnte man sich kurzfristig ablenken durchs Einkaufen und ich glaube es war der heutige Tag als ich beschloss, dass alle Hunde ein Streicheln durch Papa über sich ergehen lassen müssen. Er wollte sie anfassen, also hob ich sie hoch unter seine Hand. Erst Bea, dann Wasi und auch Bonnie, die die gesamte Zeit nicht ins Schlafzimmer kam sondern immer im Flur blieb. Papas Schwester kam auch wieder und blieb sehr lange. Uns kam es wie Stunden vor. Und immer wenn sie ging, dann sagte sie, sie käme morgen nicht. Sie stand dann aber doch wieder vor der Tür.

Am Dienstag Morgen sagten wir der Pflegerin, dass das Morphiumpflaster gewechselt werden müsse und wir haben dann beschlossen, 2 neue zu geben, damit eine größere Wirkung erzielt wird. Papa ging es so schlecht, wir wollten, dass er das nicht mitbekommt. Er sollte nicht weiter leiden. Er nahm nichts mehr zu sich, auch kein Wasser. Wir haben dann noch einmal den Arzt bestellt, welcher spät kam und auch nicht mehr sagen konnte als: „es kann noch Tage dauern oder Stunden“. Wieder eine Nacht voller Unruhe, Schlaflosigkeit und am Bett wachen.

Am Mittwoch Morgen kam dann eine Wende: ich war gerade bei mir um die Hunde zu versorgen und anschließend zur Apotheke da veruchte meine Schwester mich zu erreichen: bei der morgendlichen Pflege bekam Papa einen Krampfanfall und fiel danach in einen komaähnlichen Schlaf, aus dem er nicht mehr erwachen sollte. Den ganzen Mittwochen hatten wir Angst ins Zimmer zu gehen. Aber das Sterben hatte begonnen. Nach Aussage des Pflegers der mittags kam, war das jetzt das Sterbekoma mit laut röchelnden Atemgeräuschen. Papa bewegte sich den ganzen Tag nicht mehr und wir warteten eigentlich nur noch. Wir konnten nichts mehr tun außer einfach nur da sein. Am Abend beschlossen wir, dass immer 2 am Bett sitzen und einer abwechselnd 2 Stunden schlief. Gegen 21.00 Uhr habe ich mich hingelegt um so gegen 23.00 Uhr von meiner Schwester geweckt zu werden. Dann wachte ich mir ihr am Bett, damit Mutti sich 2 Stunden hinlegen konnte. Kurz nach 1.00 Uhr weckten wir Mutti und meine Schwester legte sich hin. Zu dem Zeitpunkt allerdings veränderte sich schon das Röcheln und sie fragte noch, ob sie lieber nicht schlafen gehen sollte. Wir versicherten ihr, dass wir sie rechtzeitig wecken.

Die kommenden Minuten wurde Papa dann etwas ruhiger und Mutti redete ihm zu, atmete mit ihm zusammen ruhig ein und aus. Ganz plötzlich veränderte sich die Athmosphäre im Raum und ich sagte:; „ich hole Margitta“. Ich ging zu meiner Schwester, weckte sie ruhig und sagte, dass sie kommen solle. Wir verbrachten dann zu Dritt die nächsten Momente am Sterbebett. Es wurde immer ruhiger bis irgendwann die Atmung aussetzte. Wir hielten den Atem an und dachten… jetzt. Nein er holte noch einmal Luft und das Ganze wiederholte sich noch einmal. Wieder setzte die Atmung aus und wieder kam sie schnappend nach kurzer Zeit zurück. Wir dachten schon, er würde wieder Krampfen. Aber nein das war wohl das Sterben. Als zum Dritten Mal die Atmung aussetzte und wir warteten kam nichts mehr. Ich schaute auf die Uhr, es war 1.48 Uhr – Papas Sterbezeit.

Man sah das Sterben, es ging wie ein Schatten von links nach rechts über das Gesicht, alles veränderte sich, es war ruhig – und trotzdem laut. Wir wollten ihn noch nicht gehen lassen, also ließen wir die Fenster geschlossen, küssten ihn noch einmal auf die Stirn und warteten auf den kommenden Tag.

Verstorben in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag, am 19. Mai 2011 um 1.48 Uhr